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Seit Herbst 2010 gibt es die gedruckten Schwankungen wieder neu aufgelegt in neuer Gestalt.

Jede 'Schwankungen' Ausgabe widmet sich einem Thema; die aktuelle Ausgabe dem Thema Klang und 'flanierenden Ohren'. Hier befindet sich ein um Sounds/Texte und Links erweitertes Blog zur jeweiligen Ausgabe im Aufbau.


SCHWANKUNGEN*28

 
Flanierende Ohren

Alles so schön laut hier. Aus der Frühgeschichte der Soundart

Dem ölverschmierten „Construction Worker“, den Duane Hanson 1970 auf einem Pausenbrot herumkauen lässt, fehlt er: der Presslufthammer. Wie vielen der hyperrealistischen Skulpturen des US-Künstlers eignet auch dem Arbeiter etwas Ermattetes. Sie sind auf eine ruhige Weise atem- und bewegungslos. Mit ihnen zieht Hanson eine (vorläufige) Bilanz jenes Jahrhunderts, das künstlerisch – zumindest auch – ganz anders begonnen hatte. Mit dem Presslufthammer, gewissermaßen. Beziehungsweise mit dem Bohrmeißel. 1913 entstanden zahlreiche Skizzen zu der Skulptur „Rock Drill“, die zwei Jahre später zum Zentralstück der ersten Londoner Einzelausstellung des 1880 in New York geborenen Zeichners und Bildhauers Jacob Epstein werden sollte. Auch hier sehen wir einen Arbeiter. Einen, der auf einem dreibeinigen Gestell mit dem Bohrer nahezu untrennbar verbunden ist. Es ist nicht der heroisch-kraftprotzige Arbeiter späterer sozialistisch-realistischer Ikonographie, sondern eine allein aus Bewegungslinien und/oder dynamisierten Muskelsträngen zu bestehen scheinende Kreatur.
Stadt – Klang - Geschwindigkeit
Das Drehmoment des „Rock Drill“ – schon die Worte funktionieren eigenartig lautmalerisch – erzeugt Geräusch. Welches in der energetischen Linienführung der Skizzen mehr noch als der Skulptur selber gewissermaßen wiederhallt. Ein typisches Moment der Arbeiten nicht nur der englischen „BLAST!“-Gruppe, sondern allen voran der italienischen Futuristen. Es geht um die Möglichkeit, eine künstlerische Übersetzung zu finden für zeitgenössische Phänomene: die Stadt, den Klang, die Geschwindigkeit. Aus einer „lyrischen und künstlerischen Ordnung des lebendigen geräuschhaften Chaos“ entstehe, schreibt Luigi Russolo, eine „neue akustische Sinnlichkeit, die einzig fähig ist, unsere Empfindungsnerven wirklich zu erregen“. Ebenfalls 1913 entwickelte der italienische Maler und Musikmechaniker mit den Intonarumori Apparaturen, die das Geräusch sortierbar und spielbar machen sollten. In seinem klangtheoretischen Text „Die Kunst der Geräusche“ (1916) analysiert er verschiedene
– nicht nur maschinelle – Geräuschfamilien. Auch wenn Russolo mit neuen Klängen altmodisch komponierte, auch mal einen Walzer spielen ließ, erreichte der Lärm – die etymologische Nähe zum Alarm und zum kriegerischen Ruf: An die Waffen! (ital. All’arme) – mit WK I eine neue Qualität. Nicht zufällig kehren jene lautpoetischen Elemente aus dem Feldbriefstakkato des Vorzeige-Futuristen Marinetti als Referenzpunkte in Russolos Krach-Traktat wieder. „Alle 5 Sekunden Raumaufschlitzen Belagerungskanonen Akkord ZANG-TUMB-TUUUMB Aufruhr von 500 Echos“ – wenige Meter nur noch zur Soundsprache des Comic.
Symphonie mit Schwarzmeerflotte

Im Zuge der avantgardistisch-künstlerischen Untermauerung des Sowjet-Programms organisierte der Filmemacher und Rundfunkvisionär Dziga Wertow ein Jahrzehnt später die Klangwelt eines Industrie- und Bergbaukomplexes. Wie Lissitzkys Lenintribüne oder die konstruktivistischen Entwürfe des Prawda- Gebäudes wurden viele musikalisch gesellschaftliche Experimente im Zuge der stalinistischen Neuaufstellung der Sowjetunion ins Konjunktivische verwiesen. Deutlicher als in den Arbeiten der italienischen Futuristen oder im flanierenden Ohr von Walter Ruttmanns Hörstücken „Weekend“ oder „Symphonie der Großstadt“ kapseln die Radio-, Orchester- und Poesiearbeiten der russischen Avantgarden eine Hoffnung ein. Ein ganzer Schwung der sowjetavantgardischen Soundexperimente ist unter dem Titel
„Baku: Symphony of Sirens“ (2 CDs. ReR Megacorp) gerade als historisches Dokument wieder- bzw. als musikalische Rekonstruktion erstveröffentlicht worden. Die Bandbreite reicht von Mossolows Stahl-Ballettmusik bis zu Originalaufnahmen Majakowskis und Jessenins. Besonders eigenartig: Avraamovs Titel gebende Sirenen-Symphonie. Ganz Baku wurde 1922 zum Orchestergraben, choreographierte Lastwagenkolonnen und getaktete Kanonenschüsse der Schwarzmeerflotte inklusive. „Baku“ ist mehr als eine Sammlung musikgeschichtlicher Skurrilitäten. Der Glaube an den sozialen Effekt ist beeindruckend, muss aber wegen genannter Konjunktiv- Position den Beweis notwendig schuldig bleiben. Auch, weil in der Liebe etwa zur Maschine sich eine Menge moderner Hybris äußerte. (tsc)

 

 

Mehr als Klang

Es geht um improvisierte Musik. Was das ist, hat der Vordenker und Improvisator Derek Bailey verblüffend provokant zusammengefasst: „Kunst ohne Werk“. Seit gut zwei Jahren besteht in Bremen mit der Gruppe KLANK ein ungewöhnliches Improvisationsensemble aus dem Geiger und Vokalisten Christoph Ogiermann, dem Perkussionisten Tim Schomacker, Reinhart Hammerschmidt am Kontrabass und Hainer Wörmann an der Gitarre. Die beiden letzteren sind Gründer der „Improvisationen“- Reihe der Musikerinitiative MIB, die in Bremen seit 20 Jahren improvisierte Musik veranstaltet. Ogiermann ist in der Neuen-Musik-Avantgarde zuhause, Schomacker hat sich eingehend mit minimalistischen Rock-Avantgarden befasst.
Doch KLANKs Instrumentierung besteht auch aus diversen Materialien aus Alltag und Atelier. Bei auf Fluxus und Happening bezogenen Performances widmen sich die vier der Erforschung von Klang und Geräusch. Im Oktober bespielten KLANK gemeinsam mit 400 lokalen Mitstreitern das schwäbische Waiblingen: Als „StadtKLANK“ beim Festival „Zukunftsmusik“ – und als Spektakel im Geiste von Fluxus! (che)

  www.klank.cc  

 

 

 Was klappert denn da?

Beim Schauen von Historienschinken aus, sagen wir mal, Römerzeit oder Mittelalter, fragt sich der geneigte Gucker gelegentlich, mitunter auch angelegentlich, ob das, was da als Hintergrundsound in Dolby von der Leinwand oder aus der TV-Kiste in die Ohren scheppert, damals, also in der längst vergangenen Echtzeit, wirklich so geklungen hat. War Rom laut oder leise? Machten Landsknechte wirklich so einen Lärm beim Marschieren? Fragen, die nicht zu beantworten sind. Überflüssige Fragen. Annähern kann man sich ihrer Beantwortung allenfalls durch aus der Zeit stammende Berichte. Aber was verstanden die Berichterstatter damals unter laut und leise? Wie viel Dezibel betrug der Pegel im Rotenburg ob der Tauber der Renaissance oder im Wien der KuK-Zeit?
Als Walter Ruttmann 1927 seine Stadtdokumentation „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ drehte, war das noch ein Stummfilm. Bei der Uraufführung wurde aber erstmalig ein Musik-Chronometer eingesetzt, um eine genaue Übereinstimmung zwischen Bild und der komponierten Musik zu gewährleisten – die wirklichen Klänge der Großstadt konnte Ruttmann allerdings noch nicht einfangen und festhalten.
Heutzutage lassen sich Geräusche, Musik, Stadtklänge, Arbeitslärm speichern – ein Fortschritt immerhin, selbst wenn das „Wie lange?“ nicht letztlich geklärt ist. Was aber passiert mit den Klängen, die allmählich aus unserer Umgebung verschwinden? Das hohe Laufgeräusch eines Tonbandgerätes beim Vor- oder Zurückspulen, das Klappern einer mechanischen Schreibmaschine, das gemächliche Rumpelgeräusch eines Ochsenkarrens, das schrillende Quietschen einer alten Straßenbahn in Kurven oder der Hammerschlag auf den Amboss in einer alten Schmiede. Sind diese Klänge irgendwann einmal völlig verloren, vergessen?

Die wenigsten Sorgen muss man sich wohl um die Geräusche aus der Tierwelt, genügend Tierfreunde dokumentieren den Gesang der Amsel oder das Gebrüll des Löwen, so dass sie vorhanden bleiben, selbst wenn die Tiere irgendwann aussterben. Wer aber dokumentiert Stadtklänge und Arbeitsgeräusche?
Bereits im Jahr 2000 ging im niederländischen Utrecht „De Bibliotheek van de verdwenen geluiden“ (The library of vanished sounds) online. Und hier finden sich viele der Geräusche und Klänge. Diese „Bibliothek der verschwundenen Klänge“ ist im Prinzip ein „Abfallprodukt“ eines anderen Projektes. Die Gründung dieses Geräuscharchivs geht zurück auf eine Idee des Komponisten und Radiomachers Michael Fahres, eines Deutschen, der aber schon seit vielen Jahren in Utrecht lebt und arbeitet. Fahres selbst verweist bei seiner Idee wiederum auf eine Anregung des avantgardistischen Underground-Noise- und Soundscape-Spezialisten Asmus Tietchens. Eine verwinkelte Geschichte also. Anlass war jedenfalls ein vom niederländischen Rundfunkprogramm NPS/VPRO projektiertes Soundscapes-Festival. Eingeladene Komponisten konnten auf
die Klang- und Geräuschesammlung zurückgreifen. Bis heute existiert nun diese „Library of vanished sounds“, und wird mittlerweile von der Universität Maastricht gepflegt, die ohnehin seit 1930 ein Archiv von Geräuschen und Klängen unterhält.
In diesem „Archiv der verlorenen Klänge“ findet sich, sortiert in verschiedene Unterkategorien, eine Datenbank, in der mehr als 300 Sounds gesammelt sind. Das reicht von der Sense, mit der Gras geschnitten wird, über die Kohlenwaschmaschine und die mit Dampfdruck betriebene Wasserpumpe, das Klappern einer Schreibmaschine in einer Polizeistation, das Klackern eines Morsetelegraphen und das einer Frankiermaschine bis zum Einholen des Netzes in einem Fischerboot. Das alles unter der Kategorie „Handwerk“. In der Rubrik „Transportmittel“ finden sich das Trappeln eines Pferdefuhrwerks, der Sound eines getunten Ford, Baujahr 1932, bis zum Pfeifen einer Dampflokomotive. Am kleinsten ist die Rubrik „Natur“ mit einigen wenigen Beispielen (dafür aber auch einem aus dem Dschungel von Borneo). Etwas umfänglicher dagegen sind die Beispiele „historischer Ereignisse“, die starken Bezug zu den Niederlanden haben, aber eben auch Mondlandung, Zeppelinbrand und Aufnahmen des 2. Weltkriegs vom Beschuss Londons enthalten. In der letzten Rubrik „Verschiedenes“ schließlich noch diverses vom Aufziehen und Abspielen eines Phonographen über die elektrische Kaffeemühle, den Sound einer großen Kino-Orgel bis zum Klickern eines mechanischen Flippers. Eine wahre Fundgrube für Soundfreaks. Als niederländisches Projekt ist „De Bibliotheek van de verdwenen geluiden“ in niederländischer Sprache, aber auch in Englisch, wobei es noch (teilweise ausführliche) Erläuterungen zum Sound und zur jeweiligen Maschine gibt. Die einzelnen Soundfiles können als Real Audio oder im WAV-Format abgehört werden.
Gibt es solch ein Archiv eigentlich auch bei uns? (che)
 

 www.nps.nl/nps/radio/supplement/99/soundscapes/bibliotheek/

 

+++ KLANG UND STADT gehören ja zusammen. Für Planer und Architekten ist das Entwerfen von und mit Sound dennoch weitgehend Neuland. kookbooks bietet mit dem Reader “TunedCity > Zwischen
Klang- und Raumspekulation” einen Einstieg. (cwe)

Gucken und Bestellen

 


 Das Demokratische an Luft
 Migräne seien Kopfschmerzen, wenn man gar keine hat, vertraute Kästners Pünktchen ihrem Anton an. Wie die Migräne haben andere Phänomene, die auf den Körper einwirken, ihr gesellschaftliches Bild inzwischen verändert. Der 1962 in Wien geborene Schriftsteller Stefan Slupetzky über seinen Lärm-Roman „Lemmings Zorn“ (Bremer Krimipreis).
Sie fahren alles auf, was Wien akustisch zu bieten hat: Hubschrauberlärm, Babygeschrei, wummernde Bässe, Rettungswagenmehrklanghörner. Wie recherchiert man diese Klangwelt?
In dem Fall habe ich mir die Recherche erspart, weil die Welt so ist. Ich bin darauf gekommen, dass das Thema größer ist als es selbst. Der Lärm steht exemplarisch für viele Phänomene. Gegen die „Naturgesetze“ des Lärms oder auch des Marktes könne man nichts machen. Wenn dann alles zusammenbricht, reden alle davon, dass man das jetzt umgestalten müsse.
Die Diffusion von Effekten verschleiert ja die Urheberschaft. Im Roman trifft Lemming auf eine klandestine Gruppe von Antilärmaktivisten.
Leider kenne ich keine wirkliche solche Liga. Die Figuren bilden einen Querschnitt durch die Gesellschaft. Niemand ist vor diesem Phänomen gefeit: Lärm ist für den Universitätsprofessor, den Schuster oder den Arbeitslosen ja immer Lärm. Das Organisieren des Lärmgegnertums ist das geringere Problem; den Gegner auszumachen, scheint zunächst schwer. Die bittere Erkenntnis ist, dass der Gegner wir selbst sind. Ein Prinzip wie in der Finanzwelt.

 

http://www.rowohlt.de/magazin_artikel/Stefan_Slupetzky_Lemmings_Zorn.2776700.html

 

  

 Cinema Musica

Selbst in einer Welt von Nischenkulturen gehört die ernsthafte Beschäftigung mit Filmmusik wohl zu den randständigen Tätigkeiten. Wie kann ein deutschsprachiges Magazin, das sich nur der Filmmusik widmet, da überleben? Durch eine gehörige Portion unentgeltlicher Eigeninitiative. So haben es die rührigen Schweizer des „Film Music Journal“ über 10 Jahre lang gemacht. 2004 übernahm der Bremer Mike Beilfuß die Chefredaktion, ein Jahr später war die neue Publikation, „Cinema Musica“, geboren. Die Schweizer schrieben immer noch, die neue Redaktion saß allerdings in Bremen. Und mit ihnen eine ganze Reihe neuer Autoren und Autorinnen. Inzwischen sind zwanzig Ausgaben der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift herausgekommen. Die neueren sehen nicht nur beeindruckender aus als die schwarz-weiße Erstausgabe vor fünf Jahren - sie lesen sich auch besser. Die MacherInnen sind auf autodidaktischem Wege professioneller geworden. Anfängerfehler wie Redundanzen im Text sind kaum noch anzutreffen. Der Vierfarbdruck lässt bereits erkennen, dass mittlerweile auch Fördergelder fl ießen, man kann sich ein Redigat leisten. Der Mix aus Filmkomponisten- Portraits und -Interviews und Besprechungen von Film-Scores ist nicht nur im deutschsprachigen Raum einmalig. Höhepunkt einer jeden Ausgabe ist das Portrait eines Komponisten des Golden Age der Filmmusik: Die ganz Bekannten wie Steiner, Waxman und Herrmann sind schon durch. Auch Ernest Gold war schon dran: Stanley Kramers Hauskomponist. Jede/r, für den Filmmusik mehr bedeutet als eine sinnleere Zusammenstellung von Teenie-Pop- und Nu-Metal-Songs, sollte mal einen Blick riskieren. (Dieter Wiene)

www.cinemamusica.de

 

 


 Handbetrieb

Vom echten Handclap in Gospel und R’n’B über Soul und Funk bis zu den scharf geschnittenen Knallklatschern in aktuellen Hip Hop- und Techno-Produktionen:
Geklatscht wurde eigentlich immer in der Musik. Im Jazz war diese neben der Stimme wohl älteste musikalische Kulturleistung eher verpönt.
Ein seltenes Exemplar jazznaher Musik mit Handclaps ist der Song „Tibetan Serenity“ des Detroiters Travis Biggs („Challenge“, 1976). Ob als Rhythmusverstärker, organischer Soundschnipsel oder Ausdruck spontaner Spielfreude – Handclaps sind universell. In „Tibetian Serenity“ reichen sich Boogie, Funk und Jazz unverkrampft die Hand. Stilistisch ist der Song dem Spiritual- oder Deep Jazz zuzuordnen, der nach dem Tod John Coltranes und im Zuge der Bürgerrechtsbewegung ab Ende der 1960er im nahen und fernen Osten oder in Afrika nach Inspirationen suchte. Alice Coltrane ließ sich von den meditativ-hypnotischen Tonskalen religiöser indischer Musik inspirieren. Auf „Black Rhythm Happening“ des Trompeters Eddie Gale treffen Gospel-Gesänge und Blues-Gitarren auf die Free Jazz- Intensität der Sun Ra Band. Und: Im Titelsong wird geklatscht! Der simple Sound der zwei Hände als Ausdruck einer neuen Freiheit, jenseits von Jazz-Konventionen. Um das Detroiter Label Strata East entwickelte sich zu dieser Zeit ein vitaler Jazz-Underground mit einer Musik, die zugleich lokal und international war, persönliche Reise und politisches Statement, weltlich und religiös. Mit seiner „Tibetanischen Gelassenheit“ schrieb Travis Biggs eine hippieske Ode an die neu entdeckte Spiritualität, an Zurückgezogenheit, innere Ruhe und eine meditative Welthaltung. (York Schaeffer)

 

+++ KÜNSTLERISCHE PRAXIS IN DEN MEDIENWELTEN IST EINE ANGELEGENHEIT DER VERSCHWENDUNG, schreibt der Medienphilosoph Siegfried Zielinski. Der aufs Nachhaltige spezialisierte Alexander-Verlag hält deshalb in einer propperen Dokumentation für uns Nachwelt ganz fest, was das TESLA medien > kunst < labor im Berliner Podewil 2005 - 2007 zwischen Kunst und Wissenschaft, alten, neuen, analogen und digitalen Medien alles erprobte. (cwe) Ansehen und Bestellen ++++

 


++++ ETWAS LEISER ist es in und um Linz geworden: Kulturhauptstadt Europas 2009 - vorbei. Aber Hörstadt will man in Oberösterreich bleiben. Und es lohnt es sich, da mal hinzuhorchen: Beschallungsfreie Supermärkte, die Schulung von Hörkompetenz schon im Kindergarten, das Recht auf akustische Selbstbestimmung und die Entwicklung akustischen Verantwortungsgefühls. Dazu ein (leider wieder geschlossenes) Mini- Science-Center zur Welt des Hörens, das “Akutikon”. Wann tritt Bremen der “Linzer Charta” bei? (cwe) www.hoerstadt .de +++

 

 

 

 

 an einen Vogelgesang
 Ich liebe es, vom Gesang der Amsel geweckt zu werden. Nicht nur, dass Amseln melodisch so unglaublich einfallsreich und inspirierend sind.
Ich muss dann immer an „Slow Motion Blackbird“ denken, eine Aufnahme, die der Schlagzeuger Chris Hughes von Adam & The Ants 1994 gemacht hatte. Darauf singt eine Amsel eine Sequenz von 3 Sekunden Länge, die konsequent so verlangsamt wird, dass die letzte Sequenz fast eine Minute dauert, ohne dass dabei die Tonhöhe tiefer wird.
Und das ganze Stück dauert fast 6 Minuten. Die Zeitlupe wird zur Soundlupe. Man steigt immer tiefer hinab in den Klang, der gleichzeitig immer reicher wird an Obertönen. Ein ganz neuer Klangkosmos entsteht auf diese Weise. Einschwingvorgänge werden wirkliche Vorgänge. Es entstehen obertonale Nebenmelodien, die man bei schnellerem Hören nie mitbekommt. Dieselbe Melodie klingt immer wieder anders, kriegt in jeder Sequenz neue Aspekte. Die Entdeckung der Langsamkeit. Das Prinzip basiert auf einer so einfachen wie unmöglichen Anweisung, die der Komponist Steve Reich 1967 für sein Stück „Slow Motion Sound“ gegeben hatte: „Verlangsame allmählich einen aufgenommenen Klang ohne seine Tonhöhe oder seine Klangfarbe zu ändern.“ Unmöglich, weil dies zu der Zeit technisch überhaupt noch nicht realisierbar war. Das Einfache, das so schwer zu machen ist. Wann immer eine aufgenommene Klangfolge verlangsamt wurde, war sie von der Tonhöhe her tiefer. Eine wirkliche Vision also, deren Sinn sich erst erschloss, als sie erfahrbar wurde. Wie das bei Visionen eben so sein soll. Good Morning, blackbird. (Peter Schulze)

 
Slow Motion Black Bird

 

 

 Nachrichten aus dem Dschungel

Vor über sieben Jahre begann es in der Musikindustrie zu kriseln. Ich merkte es deutlich, weil ich für viele große Plattenfirmen CD-Cover gestaltete und der Etat – also das Geld, das ich für meine Arbeit bekam – bei jedem neuen Auftrag weniger wurde. Kaufmännisch konnte ich es verstehen, aber ich sah, dass ich in Zukunft eine neue Einnahmequelle brauchte, um die monatlichen Kosten zu decken. Bevor ich als Grafik-Designer für irgendwelche Produkte, zu denen ich persönlich keine Beziehung hatte, arbeiten wollte, entschied ich mich, doch lieber meine Liebe zur Musik und ganz besonders zu den Musikern weiter als Schwerpunkt zu sehen. Deshalb aktivierte ich als „Zukunftsperspektive“ mein früheres Label FUEGO (zuvor für physische Produkte wie Vinyl & CD) als „Online-Only-Label“ und zweites Standbein. Das war nicht so einfach. Als Apple mit seinem iTunes-Store nach Deutschland kam, und ich dort Musik zum Verkauf einstellen wollte, bekam ich als Antwort: „Kleine Label und Musikgruppen haben wir nur eine Woche aufgenommen und dann ganz schnell gestoppt, weil hunderte von Bands ankamen, jeweils mit einer Platte und sie in Bürokratie untergehen würden. Wir machen das nur noch über Zwischenhändler, bitte wende dich an…“, dann nannten sie mir zwei/drei amerikanische Firmen. Doch amerikanisches Recht, Gespräche mit amerikanischen Anwälten, das war nicht das, was ich wollte. Und so war die nächste Aufgabe, jemanden in Deutschland zu finden, der gerade diesen Job als „Zwischenhändler“ machen wollte. Die ersten Kontakte waren frustrierend, da vielen die Problemsituation der physischen Tonträger nicht klar war, sie immer noch glaubten, es gehe wie immer weiter. Nach vielem hin und her fand ich schließlich einen alten Geschäftskontakt, der auch den finanziellen Hintergrund hatte. Ich wollte den Job nicht selber machen, weil er nur aus Verwaltungsarbeit besteht. Es geht nur um Technik, Datenübertragungen, Verträge und Inkasso. „Aggregator“ nennt sich das neumodisch – früher hieß es „Plattenvertrieb“. Ich selber wollte Kontakt mit den Musikern haben, denn das ist auch mein Lebenselixier, um die vielen „Durststrecken“ durchhalten zu können, die kreative Jobs in Buch/Musik/Film immer auch beinhalten.
2004 startete ich meine ersten „Uploads“ zu iTunes und vielen anderen Download-Shops mit einer Popband, deren Vertrag gerade von einer der großen Major-Firmen gekündigt worden war. Und – als Bremer Label – mit der Wiederveröffentlichung einer Bremer Szene-Band, die in den 80ern als Kultband galt. Doch mit den ersten Abrechnungen kam auch die Ernüchterung – mit 46,- € war wirklich kein Label zu betreiben. Das Online-Business war grundlegend anders, als das bisher bekannte Verkaufsmodell der physischen CD. Hier wurden fast nur einzelne Titel gekauft. Um dabei eine Überlebenschance zu haben, zählen entweder richtige Hits – die keiner voraussehen kann – oder eine relevante Anzahl an Titeln, die sich mischen und so eine finanzielle Grundlage liefern. Deshalb startete ich erst einmal einen Rundruf an alle mit mir befreundeten Musiker, ob sie noch unveröffentlichtes Material oder inzwischen vergriffene Vinyl-Veröffentlichungen in ihren „Schubladen“ hätten. Denn Online-Veröffentlichungen sind hervorragend geeignet, gerade dieses Material, für das sich eine Pressung oft nicht lohnte, wieder zugänglich zu machen. Im ersten Jahr war viel Überzeugungsarbeit nötig, da gerade ältere Musiker dieser neuen, digitalen Vertriebsstruktur sehr skeptisch gegenüber standen. Gleichzeitig waren die Erwartungen an die Download-Verkäufe riesengroß, weil diese überall in der Presse als „Superhype“ gefeatured wurden, ich sie aber mit der ernüchternden Erfahrung der ersten Abrechnungen konfrontieren musste.
Inzwischen haben wir über 700 Veröffentlichungen. Die Unterschiede in den Umsätzen der einzelnen Künstler sind gravierend. Es gibt im Vorfeld überhaupt keine Prognosen, ob, was und wie viel man von einer Veröffentlichung verkauft. Junge Bands haben oft deutlich geringere Downloads, obwohl sie live viel präsenter sind. Aber ihr jugendliches Publikum ist mit Filesharing groß geworden, sie davon zu überzeugen, Musiker für ihre Songs zu bezahlen, damit diese ihr nächstes Album aufnehmen können und auch die Miete für den Übungsraum zahlen können, ist äußerst schwierig. Etwas hat sich in den letzten beiden Jahren geänderte: Ältere Produkte von Bands aus den 70ern werden deutlich mehr gekauft und vorwiegend als komplettes Album. Hier machen sich die Volkshochschulkurse der „Golden Agers“ bemerkbar, die nun auch im Internet unterwegs sind, teilweise ihre alten Vinylscheiben in digitaler Form suchen oder einfach diese älteren Bands noch kennen. Ungeschlagen sind die Verkäufe von Cover-Versionen, der Neu-Interpretation von bekannten Songs. Dies liegt daran, dass das ganze Online-Verkaufssystem Datenbank basiert ist und nicht mehr wie bei physischen Verkäufen auch über die Optik eines Covers funktioniert. Cover spielen im Downloadmarkt überhaupt keine Rolle mehr.
Träumten viele Musiker mit dem Beginn der digitalen Möglichkeiten des Internets, davon nun größere Möglichkeiten zu haben, ihre Musik bekannt zu machen, ohne auf die früher beherrschenden großen Major-Firmen angewiesen zu sein, so kann man heute sagen, dass der digitale Markt eher schwieriger ist, da die Menge der Möglichkeiten und auch die Masse der Musikveröffentlichungen kaum noch zu überschauen ist. Und schon ist man da, wo man immer schon war: Geld für Marketing und Promotion wird immer wichtiger, um sich aus dieser ganzen unüberschaubaren Fülle abzuheben. Sicher gelingt das der einen oder anderen Band, doch das sind Ausnahmen von der Regel. Gleichzeitig sinken die Einnahmen, die Musiker mit ihrer Musik erzielen können, deutlich. Es ist ein Teufelskreis, der aber davon lebt, dass Kreativität zuerst einmal nicht nach Geld fragt, sondern seine kreative Ausdrucksform sucht. Und trotz aller Problematik geht es dennoch immer weiter
– denn für die digitale Promotion braucht man heute auch Videos, und so bringt man sich das Filmen und Videoschnitt bei, lernt, selbst Musik-Aufnahmen im Übungsraum zu machen, gestaltet seine Webseiten selber, lernt jeweils aus den gemachten Fehlern und wird allmählich immer besser – manchmal auch nicht.
Für den Zuschauer und Zuhörer besteht die Schwierigkeit, in diesem Überangebot seinen Weg zu finden. Genau das wird eine Kulturtechnik, die in Zukunft immer wichtiger wird und die wir alle immer wieder neu lernen müssen – dazu gehört auch, dass Musiker für ihre Musik bezahlt werden, allein schon aus Respekt ihrem Werk gegenüber! (Friedel Muders)

 

++++ NICHT GESTORBEN sind die Stimmen der ausgestorbenen Vögel, die Wolfgang Müller mit Künstlern der deutschen Avantgarde- Pop-Szene rekonstruiert. Auf der Grundlage wissenschaftlicher Aufzeichnungen wird aus schriftsprachlicher Erinnerung an verstummte Natur wieder lebendige Akustik – in memoriam ihrer tierischen Vorbilder. Justus Köhnke, Annette Humpe, Frederik Schikowski, Frieder Butzmann, Hartmut Andryczuk, Max Müller, Nicholas Bussmann, Wolfgang Müller, Francoise Cactus, Brezel Göring, Khan und Namosh widmen sich uneitel dieser bioarchäologischen Aufgabe für den Erhalt winziger Momente Natur – und scheitern daran allen Ernstes. Dazu referiert die Sprecherin (noch eine aussterbende Art) Claudia Urbschat-Mingues wissenschaftlichen Beschreibungen der Vogelstimmen; und durch unendliche Deutungen, Übersetzungen, Synonyme und Interpretationen der Begriff e, mit denen Wissenschaftler Natur
beschreibbar machen woll(t)en, wird aus den Vogelstimmen Neues. Müllers Hörspiel setzt aussterbender Natur ein akustisches Denkmal – und erzählt dabei viel über Kraft und Grenzen der Kunst. Für die Auseinandersetzung mit der Natur hinterfragt er dabei die Maßstäbe – und erfi ndet ein paar neue. (cwe)
Hörspiel hören ++++
 

 









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